«Entspannung in der Tabuzone» | Cruiser | Erstellt: 10.2017

«Ich will, dass es den Leuten gut geht» | Work | Erstellt: 15.09.2017

So einen wie ihn gibt es in der Schweiz nur einmal: Patrick Angele vereint die Lust am Streik mit der Lust am Körper.

Von: NINA SEILER | FOTOS NICOLAS ZONVI

Der Raum mit den rohen Betonwänden wirkt intim, strahlt Ruhe und Wärme aus. Patrick Angele, Ex-Teamleiter Bau bei der Unia Zürich-Schaffhausen, hat seine Praxis in der Zürcher Agglomeration, zwischen
Autobahnbrücken und Industriebauten, spürbar liebevoll gestaltet. Hier macht er Tantra-Massagen – Ganzkörpermassagen, die auch die intimen Körperstellen einbeziehen.

SEXUALITÄT UND POLITIK.

Auf dem gelben Sofa schildert Angele bei einer Tasse Tee seinen Weg von der politischen Kampfbahn ins Reich der Sinne. Der 30jährige sagt: «Ich will, dass es den Leuten gutgeht, dass sie Lust und Freude haben am Leben. Es braucht einen guten Job, eine gute Bezahlung und eine anständige Rente, damit man lustvoll leben kann. Das war immer mein Ziel, darum habe ich in der
Gewerkschaft gearbeitet.» Und: «Ich hatte immer Lust und Freude am Kampf, am Streit, am Streik. Auf dem Bau haben wir versucht, Solidarität und die Freude am Zusammensein zu verbinden: zusammen essen, zusammen trinken, zusammen lachen.»

Kann bewusste Sexualität dabei helfen, lebendiger und mit mehr Lust zu politisieren? Angele bejaht. Der Wechsel von Beton, Kränen und roten Jacken zu Kerzenlicht und Sinnlichkeit ist für ihn, der nach wie vor Unia- und SP-Mitglied ist, kein Bruch: «Es ist schon etwas ganz anderes, aber nicht so weit weg von dem, was ich früher gemacht habe. Ich schliesse auch nicht aus, dass ich irgendwann wieder auf einer Baustelle stehe.»

MEHR MÄNNER ALS FRAUEN.

Seine Kundschaft bucht fast nur Tantra-Massagen: «Klassische Masseure gibt es wie Sand am
Meer», erklärt der frühere Bauleiter. «In der Schweiz bin ich aber der Einzige mit einem vergleichbaren Profil: ein Mann, der Männer und Frauen massiert, mit einem nüchternen und klaren Auftritt.» Zu Angele kommen einfache Leute, aber auch Studierte – von der 24jährigen Studentin, die ihre Sexualität entdeckt, bis zum 79jährigen, der sein Leben lang davon geträumt hat, dass ein Mann ihn berührt. Vom schwulen 35jährigen, der sich nach Langsamkeit statt schnellem Sex sehnt, bis zur 50jährigen Frau, die als Kind sexuellen Missbrauch erlebte. Viele bringen ein Thema mit: Männer, die zu früh kommen, oder Frauen, die nicht kommen können. Manche wollen aber auch einfach nur geniessen. Es geht im Tantra nicht um sexuelle Befriedigung – obwohl es hier auch Raum für Erregung gibt –, sondern um die Wahrnehmung des
ganzen Körpers.

Zurzeit hat der Tantra-Masseur deutlich mehr männliche Kunden. Er erzählt: «Männliche Sexualität scheint einfach: Der Penis richtet sich auf und der Mann kommt – wenn nicht, dann gibt es Viagra. Wenn der Mann keine Frau hat, geht er ins Bordell oder konsumiert Pornos. Dass es da noch viel mehr zu entdecken und zu leben gibt, dass auch Verletzlichkeit dazu gehört und das Eingeständnis, dass man als Mann vielleicht mal eine Erfahrung mit einem Mann haben möchte – das wird kaum diskutiert, darüber sprechen Männer auch untereinander nicht.»

EINEN TRAUM ERFÜLLT.

Schade findet Angele, dass sich so wenig Frauen eine Tantra-Massage gönnen: «Als Sexobjekte sind
Frauen überall präsent, aber eine Frau, die Lust hat, ihre Lust zeigt und die Befriedigung ihrer Lust einfordert, wird schnell als Schlampe betitelt.» Bei Frauen sei das Verhältnis zum eigenen Körper «anders als bei Buben, die schon als Baby mit ihrem Penis spielen. Bei Mädchen gibt es nicht einmal Namen für ‹das da unten› oder nur Schimpfwörter. Ich kenne so viele erwachsene Frauen, die keinen liebevollen Bezug zu ihrem Körper haben.»

Mit dem eigenen Studio hat Angele sich einen Traum erfüllt. «Das hat eine Portion Mut gebraucht.» Doch das Geschäft läuft gut, auch dank Auftritten in den Medien. Angele: «Natürlich profitiere ich geschäftlich
von dieser Werbung. Aber: Die meisten, die zu mir kommen, tun das zum ersten Mal, und ich glaube, dass es viel ausmacht, wenn sie meine Geschichte kennen.» Inzwischen ist er zwei Wochen im
voraus ausgebucht – und geniesst die Entschleunigung an seinem neuen Arbeitsort: «Jetzt spaziere ich nur durch den Innenhof und kann zu Hause in Ruhe mit der Familie zu Mittag essen. Das ist Lebensqualität, das geniesse ich.»

Hier der Artikel als PDF.

Patrick Angele, Tantramasseur und ehemaliger Unia-Sekretär | TalkTäglich | Erstellt: 30.05.2017


Vom Streikführer zum Tantramasseur | Tages Anzeiger | Erstellt: 05.05.2017

«Das ist ein Bruch in meiner Biografie», sagt Patrick Angele. Er hat 2016 die Gewerkschaft Unia verlassen und steht nun ohne Job, Berufung und Nervenkitzel da. Der 30-Jährige ist adrett angezogen, perfekt gestylt. Er sieht gut aus, ist charmant und entspricht nicht dem Bild eines kämpferischen Gewerkschafters, der auf schmutzigen Baustellen unterbezahlte Arbeiter aus dem Schacht holt, zum Streik führt und sich mit Baulöwen anlegt. Doch genau das war Angele ein Jahrzehnt lang. Bis in der Unia die Affäre Burger explodierte.

Zu seinem ehemaligen Chef Roman Burger will Patrick Angele nichts sagen. Burger wurde vorgeworfen, Mitarbeiterinnen sexuell belästigt und Psychospielchen betrieben zu haben. Angele war in Zürich Leiter Bau, wechselte im Zuge der Affäre Burger zur Unia nach Bern und ging dann bald ganz. Das Klima war bedrückend, der Zürcher Konflikt hat auch die Zentrale in Bern belastet. «Was mit dem Leben anfangen?», fragte sich der damals 29-Jährige, der heute eigentlich SP-Nationalrat sein müsste.

Auf einen Kampfjet geklettert

«Nach meinem Weggang bei der Unia lag meine Zukunft offen vor mir, ich konnte mich neu erfinden», erzählt Angele. Nach einem Leben mit Trillerpfeife, roter Weste, Demos und Streiks hat er sich im letzten Herbst neu orientieren müssen. Er stand an vorderster Front beim «Zara-Streik» an der Bahnhofstrasse oder beim «Polen-Streik» und beim «Pipi-Streik» im HB, als den Bauarbeitern im Durchgangsbahnhof aus Plumpsklos alter Personenwagen Urin auf die Köpfe tropfte. Als GSoA-Sekretär war er 2010 im Verkehrshaus auf einen Kampfjet geklettert, um gegen neue Militärflugzeuge zu demonstrieren.

Auch Angeles politische Karriere war vorbei, bevor jene der meisten anderen Politiker überhaupt beginnt. Dabei wurde er lange als SP-Nachwuchsstar ­gehätschelt. 2010 wäre Angele in Dübendorf als Präsident des Gemeinderates gesetzt gewesen, wurde aber wegen eines Komplotts von SVP und FDP nicht gewählt. Ein Armeeabschaffer, das machte sich nicht in einer bürgerlichen Stadt mit Kaserne und Militärflughafen.

Der umtriebige Juso-Vertreter startete 2011 und 2015 auf Polepositions direkt hinter den Bisherigen auf der SP-Nationalratsliste, wurde aber beide Male nach hinten gereicht. Viele hatten es ­Angele übel genommen, dass er in echter Juso-Manier einen Verzicht der Sesselkleber forderte. Als Jungspund war Angele Präsident der SP des Bezirks Uster, Mitglied der Geschäftsleitung der kantonalen SP und zusammen mit Cédric Wermuth in der Juso Schweiz aktiv.

Als Arbeitsloser ging Angele im Herbst zur Arbeitsvermittlung RAV auf der Suche nach einer beruflichen Neuorientierung. Er prüfte Angebote mehrerer gemeinnütziger Organisationen und aus dem Gastgewerbe. Doch dann besann er sich auf seine Wurzeln. Angele war nicht wie viele als Geschichts­student in Partei und Gewerkschaft eingestiegen – sondern als medizinischer Masseur mit Abschluss.

Um den kargen Lohn bei der GSoA aufzubessern, hatte er als Masseur in Wellnessoasen und im Migros-Fitnesspark Hamam gearbeitet. Massiert hatte er auch ab und zu während der Jahre bei der Unia. «Bei der klassischen Massage fehlte mir aber die Ganzheitlichkeit und eine Selbstverständlichkeit im Umgang damit, dass auch sexuelle Erregung auftreten kann, wenn wir jemanden berühren.» Und so besuchte er in Zürich das Institut für Sexological Bodywork und liess sich ein halbes Jahr lang zum Tantramasseur ausbilden.

Frisch verheiratet

Unverkrampft schildert er, was eine Tantramassage ist: «Eine Ganzkörpermassage, die auch das berühmte kleine Dreieck am Körper nicht auslässt.» Tantramassagen umfassen also meist auch die Massage der weiblichen beziehungsweise männlichen Geschlechtsorgane.

«Ich bin tatsächlich sehr unverklemmt», sagt Angele, der kürzlich seine langjährige Partnerin geheiratet hat und demnächst Vater wird. Sie wohnen in Dübendorf im hippen Zwicki-Areal, wo Angele nun einen Raum als Massagepraxis gemietet hat. Professionelle Tantrastudios gibts in Zürich erst etwa zehn. Im Schweizerischen Förderverband sind 150 Mitglieder gemeldet. Im Gegensatz zur 50-fränkigen Thaimassage im Zürcher Rotlichtmilieu mit dem berühmten Happy End sei der Orgasmus bei der Tantramassage «nicht Absicht, aber durchaus möglich». Die Tantramassage sei eine wundervolle Möglichkeit, einen anderen Menschen in ein sinnliches Erleben zu begleiten. Geschlechtsverkehr allerdings ist tabu.

In seiner Praxis will Angele Männern, Frauen und Paaren einen gelösten Umgang mit Lust ermöglichen. «Körperlichkeit und Sexualität sind nichts Schmutziges, sondern etwas zum Geniessen.» In seiner Ausbildung habe er viele tolle Leute kennen gelernt, die tolle Arbeit in diesem Bereich leisten, aber noch immer unter dem Schmuddelimage der Massagebranche leiden würden.

Am letzten 1.-Mai-Umzug war Patrick Angele erstmals seit zwölf Jahren nicht mit Megafon, Funkgerät und oranger Unia-Weste dabei, sondern salopp gekleidet und mit Regenschirm. «Bei der Unia bleibe ich aktives Mitglied», sagt er, «schliesslich arbeite ich in einem Dienstleistungsbetrieb.»

Hier der Artikel als PDF.